Zusammenfassung
der Studie über die Auswirkungen von Tai chi
auf das Befinden von Mitarbeitern
Theorie
Betriebliche Gesundheitsförderung zielt darauf ab, Arbeitsbelastungen
zu reduzieren, gesundheitliche Beschwerden zu minimieren, und das Wohlbefinden
der Belegschaft zu steigern (Badura, 1999).
In der Arbeitspsychologie wird zwischen psychischer Belastung und psychischer
Beanspruchung unterschieden. Unter psychischen Belastungen werden äußerliche,
objektiv erhebbare Größen verstanden, die auf den Menschen einwirken.
Psychische Beanspruchungen hingegen sind die Reaktionen des Menschen auf solche
Belastungen (Greif, 1991).
In Anlehnung an Greif (1991) werden die Begriffe "Stress" und "Stressoren"
als Synonyme für die Begriffe "Belastung" und "Beanspruchung" verwendet,
wobei erstere den letzteren untergeordnet werden.
Befinden wird in Anlehnung an Bamberg (2000) über das psychische und physische
Befinden und Stressverarbeitungsstrategien operationalisiert. Beanspruchungen
am Arbeitsplatz, so Bamberg, können Befindensauswirkungen auf vier Ebenen
haben: Der psychosomatischen-, der kognitiv-emotionalen-, der Verhaltens- und
der Umfeld-Ebene (Bamberg, 2000).
Während leichter Stress sich nicht immer negativ auf das Befinden auswirken
muss, da eine geringe Aktivierung auch sehr Leistungssteigernd wirken kann
(Zimbardo, 1995; Semmer, 1994; Selye, 1946), wirkt sich starker oder lang anhaltender
Stress fast immer sehr negativ auf das psychische und physische Befinden aus
(Zimbardo, 1995; Kalat, 1995; Udris & Kaufmann, 1982).
Über Belastungen am Arbeitsplatz existieren eine Vielzahl von Klassifikationen.
Grob kann man zwischen Stressoren bei der Erfüllung der Arbeitsaufgabe,
physikalischen Stressoren, sozialen und organisationsbedingten Belastungen,
und neuartigen Stressoren, wie z.B. Angst vor Arbeitsplatzverlust, differenzieren
(Udris & Kaufmann, 1982; McGrath, 1981; Udris & Frese, 1999; Mohr,
1997).
Maßnahmen, die das Wohlbefinden am Arbeitsplatz erhöhen sollen,
gliedern sich nach Zapf (1994) in institutionelle und individuumsbezogene Maßnahmen.
Zu den individuumsbezogenen Maßnahmen zählen Maßnahmen, die
den Mitarbeitern helfen sollen besser mit Stressoren am Arbeitsplatz umzugehen
(Zapf, 1994). Udris (1981) fordert in diesem Zusammenhang eine „Humanisierung
der Arbeit“. Spezielle Trainings zur Belastbarkeit und Stressbewältigung
sollen zu einer Verbesserung der Person-Umwelt-Anpassung führen (Udris,
1981; Greif, 1991).
Eine Möglichkeit Belastungen am Arbeitsplatz zu begegnen ist die Einführung
von Arbeitspausen. Arbeitspausen dienen der Wiederherstellung bzw. Aufrechterhaltung
des Funktionsniveaus, des Wohlbefindens und der Gesundheit von Mitarbeitern
(Rohmert und Rutenfranz, 1983b; Pornschlegel et al., 1982). Die Art der Pausengestaltung übt
einen großen Einfluss auf den Erholungswert aus (Grandjean, 1991; Hacker & Richter,
1984). Unstrukturierte und passive Pausen haben einen geringeren Erholungswert
als organisierte und aktive Pausen, die volle Entspannung gewähren (Grandjean,
1991; Hacker & Richter, 1984). Nach Hacker (1986) können Pausen verbunden
mit körperlicher Bewegung einen positiven Einfluss auf das Wohlbefinden
und die Grundstimmung ausüben.
In Anlehnung an Forschungsergebnisse und individuelle Berichte über die
Wirksamkeit von Tai chi, einer chinesischen Entspannungstechnik, untersucht
diese Studie die Auswirkungen von körperlichen und geistigen Entspannungsprogrammen
(Tai chi und Meditation) auf das Befinden von Mitarbeitern.
Tai chi ist eine jahrhunderte alte chinesische Bewegungskunst. Tai chi entwickelt
innere Kraft und Harmonie durch die Koordination und Entspannung von Geist
und Körper.
Die Bewegungen stärken Muskeln und Sehnen, stabilisieren den Rücken
und regen die Durchblutung und den Kreislauf an.
Aufgrund seiner sanften und ruhigen Bewegungen ist Tai chi von allen Menschen
aller Altersstufen und Gesundheitsgrade gleichermaßen praktizierbar.
Studien haben ergeben, dass Tai chi die psychische und physische Balance stärken
(Wolfson, et al., 1996), das Herz- und Kreislaufsystem stabilisieren (Channer,
et al., 1996, Young 1999), das Immunsystem stärken (Sun et al., 1989),
das Gefühlsleben stabilisieren (Jin, 1992, Brown et al., 1995), Stresshormone
senken (Jin, 1992) und zu einer erhöhten Alpha-Wellen Aktivität im
Gehirn führen kann (Metzger und Zhou 1995). Außerdem wurde eine
verbesserte Körperkoordination, Fitness und Selbstwahrnehmung (Lan, 2002;
Tse & Bailey, 1992; Schaller, 1996; Wong et al., 2001; Shih, 1997; Wolf
et al., 1997) und ein erhöhte Beweglichkeit und Entspannung der Muskeln
(Yan, 1999) nachgewiesen.
Versuchsdesign
Um der Forschungsfrage nach den Auswirkungen von Tai chi auf das Befinden von
Mitarbeitern nachzugehen wurde ein Stichproben- und Firmenprofil erstellt.
Ziel war es Mitarbeiter zu finden die den modernen Anforderungen am Arbeitsplatz
ausgesetzt sind.
Schließlich konnten zwei Werbeagenturen (Demner, Merlicek & Bergmann
und TBWA) für die Studie gewonnen werden. An der vorliegenden Untersuchung
nahmen insgesamt 70 Mitarbeiter im Alter von 20 – 59 Jahren teil.
Die Studiendauer betrug 8 Wochen. Während dieser Zeit kam ein Tai chi
Trainer (der Autor selbst) 2 mal die Woche ins Unternehmen und praktizierte
mit den Mitarbeitern als Entspannungspause für eine 1/2 Stunde Tai chi
(vormittags/nachmittags).
Um wissenschaftlich fundierte Aussagen über die Wirksamkeit von Tai chi
treffen zu können, wurde eine Kontrollgruppe eingerichtet, die in einer
rein geistigen Entspannung unterwiesen wurde (gelenkte Tiefenentspannung).
In einem Screeningfragebogen wurden Alter, Geschlecht, berufliche Position
und Vorerfahrung in Entspannungsmethoden erhoben. Aufgrund dieser Daten wurden
die TeilnehmerInnen über ein gezieltes Randomisierungsverfahren der Versuchsgruppe
(VG) und Kontrollgruppe (KG) zugewiesen.
Insgesamt fanden drei Testdurchgänge statt: Vor der Intervention (prä),
während der Intervention und nach der Intervention (post). Zur Anwendung
kamen die Basler
Befindlichkeitsskala, die Frankfurter Körperkonzeptskalen
und der
Stressverarbeitungsfragebogen 120.
Ergebnisse
Die Ergebnisse gliedern sich in Anlehnung an die Hypothesen in drei Bereiche
auf: Veränderungen des psychischen Wohlbefindens, Veränderungen des
physischen Befindens und die Veränderungen der Stressverarbeitungsstrategien.
Alle Hypothesen waren in Richtung einer Befindensverbesserung, bzw. geeigneter
Stressverarbeitungsstrategien gerichtet.
Die Veränderungen des psychischen Befindens wurden über Unterschiede
zwischen einem Durchschnittswert aller drei Testzeitpunkte und den Testwerten
direkt nach der Tai chi Intervention erhoben. Hier kam es in drei Faktoren
des psychischen Befindens zu einer signifikanten Befindensverbesserung. Die
StudienteilnehmerInnen fühlten sich nach dem Tai chi Üben vitaler,
ausgeglichener und konzentrierter. Verglichen mit der KG konnten jedoch keine
signifikanten Unterschiede festgestellt werden, woraus sich die Befindensänderungen
in der
Tai chi Gruppe nicht kausal auf Tai chi zurückführen lassen.
Interessant ist der Faktor der sozialen Extrovertiertheit. Hier waren keine
signifikanten Befindensänderungen feststellbar. Nach Durchsicht der deskriptiven
Daten konnte jedoch eine Tendenz Richtung Introvertiertheit festgestellt werden.
Als zweite Befindensdimension wurde das körperliche Wohlbefinden untersucht.
Die StudienteilnehmerInnen fühlten sich nach der 8-wöchigen Intervention
gesünder und körperlich wohler als davor. In dieser Dimension konnte
ein signifikanter Unterschied zwischen der VG und der KG nachgewiesen werden.
Die körperliche Befindensverbesserung lässt sich also auf Tai chi
zurückführen.
Die Stressverarbeitungsstrategien wurden in positive und negative aufgeteilt.
In beiden Unterkategorien konnten keine signifikanten Unterschiede zwischen
der Prä- und Postmessung festgestellt werden.
Bei genauerer Durchsicht der Daten wurden zwei signifikante Veränderungen
bei den negativen Stressverarbeitungsstrategien Flucht und Gedankliche Weiterbeschäftigung
gefunden. Die TeilnehmerInnen der Tai chi Gruppe reagierten auf Stress nach
der 8-wöchigen Tai chi Intervention mit geringerer Wahrscheinlichkeit
mit Flucht oder Gedanklicher Weiterbeschäftigung. Die Veränderungen
sind jedoch nicht eindeutig auf Tai chi zurückzuführen, da sich die
VG und KG in diesen zwei Dimensionen nicht signifikant voneinander unterscheiden.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich die SttudienteilnehmerInnen nach
der Tai chi Intervention psychisch und körperlich wohler fühlten
als davor. Jedoch nur die körperliche Befindensverbesserung lässt
sich auf Tai chi zurückführen.
Betrachtet man die wissenschaftlichen Theorien und Ergebnisse über den
Zusammenhang von Wohlbefinden am Arbeitsplatz und Gesundheit, und den Forderungen
aus der Arbeitswissenschaft nach einer „Humanisierung der Arbeit“,
so kann aufgrund dieser Studie zu einer Fortsetzung von Tai chi am Arbeitsplatz
geraten werden.